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DFG-Projekt "Der Ratschluss Gottes im lukanischen Doppelwerk"

DFG-Projekt 430899569

Laufzeit: 01.04.2020–31.03.2023

Projektleiter: Dr. Daniel Lanzinger

 

„Ich habe es nicht versäumt, euch den ganzen Ratschluss Gottes mitzuteilen“ (Apg 20,27): Das behauptet Paulus im Rahmen seiner Abschiedsrede in Milet. Auch sonst ist im lukanischen Doppelwerk des Öfteren vom „Ratschluss“ (βουλή) oder vom „Vorauswissen“ (πρόγνωσις) Gottes die Rede (vgl. Lk 7,30; Apg 2,23; 4,28; 5,38; 13,36). Es hat daher eine sachliche Berechtigung, dass die Forschung Lukas eine „Theologie der Vorsehung“ attestiert, auch wenn zu notieren bleibt, dass Lukas den Begriff „Vorsehung“ (πρόνοια) nicht verwendet.

Für ein angemessenes Verständnis dessen, was Lukas „Ratschluss“ und die Forschung meist „Vorsehung“ nennt, ist jedoch entscheidend, dass Lukas vor allem ein erzählender Theologe ist: Worin der ganze Ratschluss Gottes inhaltlich bestehen soll, erklärt Lukas seinen Leserinnen und Lesern an keiner Stelle im Klartext. Vielmehr räumt er ihnen einen Interpretationsspielraum ein und setzt auf ihre kognitive Mitarbeit. Was Gott für Jesus und seine Anhänger vorsieht und wie dieser göttliche Plan aus menschlicher Sicht ermittelt und umgesetzt werden kann, kann daher nicht allein an einer bestimmten Semantik festgemacht werden. Das erste Teilziel des Projekts besteht deshalb darin herauszuarbeiten, wie Lukas als Erzähler das Motiv vom „Ratschluss“ Gottes narrativ entfaltet. Die den bisherigen Forschungsstand weiterführende Arbeitshypothese ist, dass sich hierbei die dramatische Ironie als die entscheidende Erzähltechnik erweist: Durch einen vom Erzähler vermittelten Wissens- und Verstehensvorsprung der Leser gegenüber den Erzählfiguren kommt es zur Erzeugung neuer und für die lukanische Theologie entscheidender Bedeutungsaspekte. Dies soll durch die Anwendung narratologischer Methoden im Detail aufgewiesen werden.

Ein zweites Teilziel besteht darin, dem lukanischen Konzept vom göttlichen Ratschluss durch einen religionsgeschichtlichen Vergleich schärfere Konturen zu verleihen. Dazu sollen exemplarische Vertreter verschiedener narrativer Gattungen (Geschichtsschreibung, Roman, Epos) herangezogen werden, die mit dem Konzept einer göttlichen Lenkung der Geschichte arbeiten. Die Arbeitshypothese lautet, dass der Verfasser des lukanischen Doppelwerks zwar den in der griechisch-römischen Welt gängigen Begriff „Vorsehung“ vermeidet, sich aber narrativer Strukturen bedient, die für antike Leser typischerweise mit „Vorsehung“ verbunden sind.

Insgesamt soll damit das, was in der Lukas- und Actaforschung unter den disparaten Schlagwörtern „Vorsehung“, Heilsgeschichte“ und „Plan Gottes“ verhandelt wird, einer kritischen Überprüfung am biblischen Text unterzogen werden. Als Ertrag soll eine Neubeschreibung des damit gemeinten Phänomens geboten werden, die das eigenständige theologische und literarische Profil des lukanischen Werkes ernst nimmt und die nicht von neuzeitlichen theologischen Konzepten, sondern vom Rezeptionskontext der Erstadressaten her inspiriert ist.

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