Programm der Katholisch-Theologischen Fakultät
am Dies academicus der Universität Bonn
20. Mai 2026, 9 Uhr c.t. – 15 Uhr, Universitätshauptgebäude
09:15 Hörsaal III
Prof. Dr. Johannes Schelhas:
Synodalität – Kennzeichen der Kirche
Synodalität ist ein neues wie altes Kennzeichen der Kirche. Es lässt sich neben die vier klassischen Merkmale der Kirche stellen (Einheit, Heiligkeit, Katholizität und Apostolizität), aber keinem dieser Merkmale exklusiv zuordnen. Die synodalen Wege, die die katholische Kirche von 2021 bis 2024 zurückgelegt hat, konnten das Phänomen der Synodalität in ihrem Selbstverständnis vielseitig bereichern. Der Vortrag analysiert unter dogmatischer Fokussierung zuerst anhand jüngster lehramtlicher Dokumente einige Begriffslinien von Synodalität. Die Texte bieten ein Potenzial zur Optimierung synodalen Handelns an. Danach wird das Begriffsverständnis mit Erkenntnissen geweitet, die auf Plotin, Hans Urs von Balthasar, Simone Weil und Ferdinand Ebner zurückgehen. Der große Bogen der Einzelthemen stellt die dialogische Essenz von Synodalität heraus. Abschließend wird der Kipppunkt von Synodalität in den Blick genommen: die Diskrepanz von Reden und Handeln in der Kirche.
10:15 Hörsaal III
Prof. Dr. Hubertus Roebben:
Pilgern als ganzheitliche Bildung – auch an der Uni?
Die Pilgerwege nach Santiago de Compostela in Nordspanien waren noch nie so beliebt (sprich: überlaufen) wie heute. Was suchen die Menschen auf dem Jakobsweg? Ich selbst bin mitten in der Corona-Zeit 600 km von meinem Wohnort Leuven in Belgien nach Vézelay in Frankreich gewandert. Was suchte ich als Theologe, und was fand ich? Dass es Sinn macht, sich selbst „at home on the road“ besser kennenzulernen, diese Erfahrung mit anderen zu teilen und von dieser Erfahrung ausgehend „ganzheitliche Bildung“ auch an der Universität professionell neu zu denken und zu entwickeln.
11:15 Hörsaal III
Prof. Dr. Michael Zichy:
Der Sinn des Lebens – ein gesellschaftlich-politisches Problem?
Der Sinn des Lebens gilt den meisten als höchst private und subjektive Frage, die jeder Mensch mit sich selbst auszumachen hat. Der Vortrag stellt diese verbreitete Annahme in Frage. Er zeigt, dass die Sinnfrage neben ihrer kaum bestrittenen, individuell-existentiellen Relevanz eine bislang unterschätzte gesellschaftlich-politische Bedeutung hat. Denn wenn Sinn – wie neuere empirische Studien nahelegen – ein grundlegendes menschliches Bedürfnis und eine starke Motivationsquelle ist, dann sind Menschen durch Sinnangebote auch in besonderer Weise verführ- und instrumentalisierbar. Daraus folgt: Eine liberale Gesellschaft kann die Sinnfrage nicht einfach privatisieren, ohne zugleich jene Voraussetzungen der Freiheit zu gefährden, die sie zu schützen beansprucht.
12:15 Hörsaal III
Frieda Kries, WMA an der Professur für Fundamentaltheologie und Christliche Identitäten:
Wer bin ich im Anthropozän?
Identität und Verantwortung in der ökologischen Krise
Wer bin ich? Wer sind wir in der ökologischen Krise? Wir benennen ein ganzes Zeitalter nach uns selbst: Das Anthropozän. Und meinen damit die Tatsache, dass der Mensch zur geologisch bestimmenden Kraft geworden ist. Was macht es mit unserem Selbstverständnis, dass wir Gletscher schmelzen lassen und das Artensterben beschleunigen? Spielen unsere Verstrickungen in globale Zusammenhänge und Beziehungen mit anderen Tieren und Pflanzen in Ökosystemen für die Ausbildung unseres Selbstverständnisses eine Rolle? Und wenn ja, welches Selbstbild ist dafür passend? Der Vortrag wirbt für eine Perspektive der Wissenschaftstheoretikerin Donna Haraway, die provokant vorschlägt: Ich bin Kompost. Gelingt es so, Identität und Verantwortung im Anthropozän neu zu denken?
12:15 Hörsaal IX
Prof. Dr. Gisela Muschiol:
Zwischen Erniedrigung und Erhebung:
Wie aus vier Marien eine Maria Magdalena wurde
Die „Heilige“ Maria Magdalena ist eine Kunstfigur – durch einen Papst im Frühen Mittelalter aus vier Marien/Frauen der Bibel zusammengefügt, und dennoch eine Figur mit unglaublicher Reichweite in Literatur, Kunst, Verehrung, Liturgie und Spiritualität. Den Spuren dieser „Figur” und ihrer Funktionalisierung im Mittelalter (und in der Neuzeit) wird sich der Vortrag widmen.
14:15 Festsaal
PD Dr. Sebastian Hanstein:
Askese als Milieubildung.
Moralische Ökonomie und soziale Distinktion im spätantiken Christentum
Das Corpus Caspari, eine Gruppe von bisher wenig beachteten Texten, die um oder kurz nach 400 verfasst wurden, bündelt in nuce jene Konfliktlinien, die zeitgenössisch auch die breitere Debatte um christliche Identität prägen. Dabei richten sich die Texte vor allem an hochgestellte Christen, deren Lebensstil als Prüfstein gilt. Identität erscheint hier nicht als inneres Bekenntnis, sondern als sozial sichtbare Lebensform, die sich an Körper- und Geldpraxis entscheidet. Enthaltsamkeit, Ehe, Besitzverzicht, Almosen, Reinheit und liturgische Nähe fungieren als Kriterien, mit denen Zugehörigkeit markiert, Autorität begründet und Distinktion – auch gegenüber der Mehrheitskirche – erzeugt wird. So wird Askese zum Medium der Milieubildung und zur Grundlage einer Wertordnung, die Besitz, Status und Heiligkeit eng miteinander verschränkt. Gerade an solchen Fragen wird sichtbar, wie strittig die Grenze zwischen Alltag und Ideal ist.
Antrittsvorlesung von PD Dr. Sebastian Hanstein anlässlich seiner Habilitation im Fach Alte Kirchengeschichte und Patrologie.
außerdem: Studienberatung und Infomaterialien in Hörsaal III