"Das siehst du nur im Original!" – Sprachliche Entdeckungen und ihr theologisches Potential
Der Gedanke, an einem biblisch-hebräischen Lektürekurs freiwillig teilzunehmen, mag vielleicht selbst dem ein oder anderen Theologen, der das alte Hebräisch gelernt hat, nicht gerade wie eine leicht begreifliche Entscheidung erscheinen. Denn ja, ein Lektürekurs bedeutet Arbeit auf gleich zwei Ebenen – der sprachlich-grammatischen und der inhaltlichen, die nicht nur nach der Bedeutung des Textes fragt, sondern auch zu seinem Verständnis im kulturellen und historischen Kontext arbeitet. Doch wenn schon die erste Ebene nicht zu begeistern und zu fesseln vermag, so bestimmt die letztere; im besten Falle aber schafft ein Lektürekurs beide Ebenen so zu verbinden, dass beide äußerst interessant erscheinen und sich gegenseitig ergänzen. Und vollständig gelungen ist dies im Lektürekurs des vergangenen Sommersemesters „,Das siehst Du nur im Original!‘ Sprachliche Entdeckungen und ihr theologisches Potenzial“. Diese zweifache Sicht auf das Arbeiten an biblischen Texten ist es, die für mich genau den Reiz ausgemacht hat, derenthalben der Kurs nicht nur theologisches Potenzial, sondern auch Begeisterungspotenzial in großen Mengen geboten hat. Derart, dass zumindest ich über den Erwerb interessanten Wissens die oben propagierte zweifache Arbeit bei ihrer Ausführung vollständig vergessen konnte.
Dabei war sicherlich doch das mühseligste Beginnen, die am Anfang stehende Übersetzung der alten hebräischen Texte, zu denen wie mit Psalm 139 Lyrik ebenso wie beispielsweise mit Richter 4 und Genesis 4,1-16 Prosatexte gehörten. Und doch verbarg sich hier bereits das erste interessante Potenzial: Diese Texte schienen uns oft so vertraut, so oft gehört in Gottesdiensten oder im Religionsunterricht. Manche so sehr, dass einige von uns sie in ihrer deutschen Fassung der Einheitsübersetzungen sogar hätten Wort für Wort mitsprechen können. Desto interessanter wurde es nun, wenn wir in unserer Arbeit eine ganz andere Übersetzung herausbekamen als diese uns bekannte! Wenn wir feststellten, dass die Einheitsübersetzung mehr als nur eine andere Übersetzungsmöglichkeit derselben Vokabeln bietet, sondern ungefragt gleich eine Interpretation! Wenn sie z. B. wie in Genesis 4,7 drei hebräische Worte mit vier deutschen übersetzt und scheinbar frei die Vokabel „Dämon“ hinzufügt, ohne dass eine Art Dämon im hebräischen Originaltext auch nur indirekt beschrieben zu werden scheint. Wie also kommt sie dazu? Oder wenn die Einheitsübersetzung von 1980 in Jesaja 1,21 über die Stadt Jerusalem übersetzt, dass in ihr die „Gerechtigkeit zu Hause war“, wenn wortwörtlich im Hebräischen ohne Zweifel etwas von „Übernachten“ steht. Wie kommt es also zu einer solchen offiziellen Übersetzung und welcher traditionsgeschichtliche Horizont geht der Aussage des Textes so womöglich gar verloren?
An diesen Stellen ging dann das gemeinsame „Detektivspiel“ im Kurs los. Mit fachlicher Unterstützung und ausgestattet mit hilfreicher Literatur durch Herrn Dominik Schlauß als Dozenten begaben wir uns auf Spurensuche in den hebräischen Texten, deren Geschichte und der Zeit ihrer Entstehung. Über die Struktur des Aufbaus der Texte im Vergleich zu ähnlichen Texten wurde zunächst der Frage nachgegangen, ob die Texte tatsächlich aus einer Hand und Zeit stammen, oder vielleicht etwas nachträglich hinzugekommen oder ältere Vorstellungen und Motive wiederbenutzt wurden. Darauf ging es in Betrachtung der theologischen Intention durch mögliche Motive der Autoren; Bilder wurden versucht mittels metaphorischer und traditionsgeschichtlicher Vorstellungen zu erklären, die damals allgemein bekannt waren. So gelangen wir im Falle des ersten Beispiels – Genesis 4,7 mit dem mysteriösen Auftauchen des deutschsprachigen Dämons – durch Fachliteratur und einer genauen Betrachtung der im Zusammenhang stehenden Vokabeln des Verses zu babylonischen Vorstellungen, nach denen Dämonen in Gestalt von giftigen Tausendfüßlern in Ecken und an Türen lauern, den Menschen heimtückisch anzugreifen. Dies scheint jene Vorstellung zu sein, die die Einheitsübersetzung interpretierend im Rahmen älterer Forschung als vermeintlichen Hintergrund in unseren Text einzutragen scheint. Oder – im zweiten Beispiel, Jesaja 1,21 und der übernachtenden Gerechtigkeit in Jerusalem – tauchten wir ein in die altbabylonischen Vorstellungen über den Sonnengott und dessen Verbindung zu Vorstellungen von Gerechtigkeit, göttlichen und stellvertretend königlichen Pflichten – von kittu und mīšaru – die nach einer langen Entwicklung der „Solarisierung“ bei Jesaja angepasst auf JHWH übertragen werden.
Nach den Kreuzfahrten durch diese Gewässer voll motiv- und traditionsgeschichtlicher Ansichten und den aus diesen resultierenden Pflichten legten wir wieder mit einer Ladung voll neuen Verständnisses am Hafen des biblischen Textes an. Und stets hat sich hieran eine angeregt Diskussion geschlossen, bei der ein Resümee gezogen und sich lebhaft ausgetauscht wurde, wie diese ungekennzeichneten Hinweise der alten und aktuellen Einheitsübersetzungen zu beurteilen seien – ob als zu tolerierende Leserlenkung, die dem Text selbst genuin innewohnt (und der Zweck die Mittel heiligt), oder als interpretative, möglicherweise irreführende Auslegung, ob der fehlenden Hinweise und des Nicht-Zuerkennengebens der durch die kultur-historischen Einflüsse zugefügten Worte und Interpretationen von Vokabeln und Inhalt. Nicht immer Bestand da im Kurs Einigkeit, auch nicht immer bei einer einzelnen Person an jeder Stelle in einem Text. Doch hat darunter nicht etwa der Kurs gelitten! Nein, gerade diese Verschiedenheit, dieser Dissens hat doch die Gruppe zusammengehalten und Interesse geweckt an verschiedenen Interpretationen und der Geschichte der Texte, aber auch an den Ambiguitäten, die die verschiedenen Interpretationen zulassen – die vielleicht sogar zugelassen und vorgenommen werden müssen. Und wenn letzteres, auf welche Art?
Letztlich war es genau das, was diesen Kurs ausgemacht und dafür gesorgt hat, dass es möglich war, soviel Wissen und Erkenntnis, aber auch Freude aus diesem und dem Umgang mit der hebräischen Sprache mitzunehmen und – nicht zuletzt – auch die Kommilitonen noch besser kennenzulernen und neue Aspekte aneinander zu entdecken. So möchte ich es an dieser Stelle auch nicht versäumen, mich bei meinen Kommilitonen zu bedanken, ohne die der Kurs nicht so viel Freude gemacht und die Sitzungen nicht so kurzweilig gewesen wären. Doch auch nicht minder zu danken, gilt es unserem Dozenten, Herrn Dominik Schlauß, der uns so sicher durch Texte, Grammatik, Geschichte, Kultur und Mythen geführt und uns passende Literatur und fesselnde Texte ausgesucht hat. Auch ohne ihn wäre dieser Kurs so nicht möglich und ein solcher Gewinn an Wissen nicht zu haben gewesen.
Umso mehr freue ich mich, dass auch in diesem Wintersemester 2025/26 eine zumindest ähnliche Veranstaltung bei ihm möglich sein wird! Sicherlich werde ich nicht der Einzige sein, der von den Kursmitgliedern des letzten Semesters voll Freude auch im kommenden Semester wieder mit dabei sein wird. Davon bin ich überzeugt!
Lukas Ohlerth